
Entwaffnend wegen der zweifellos nötigen Konzentration, die das Publikum aufbringen muss, um die fortlaufenden Sprünge in Raum und Zeit zu verstehen, die zwar anfangs verwirren, im Verlauf des Films aber bestens wahrgenommen und geschätzt werden, vor allem in den Schlussteilen, in denen sich alles geradlinig zusammenfügt. Der Film ist ein Konzentrat von Leben, in dem der unterschiedliche Zugang offengelegt wird, den jeder Mensch zum Leben zu zweit, zur Liebe, zum Tod und zum äussersten Leid hat. Dieser Film, nach dem Roman von Sandro Veronesi (Premio Strega), hat absolut nichts Banales an sich, auch wenn die gezeigten Dynamiken bereits in unzähligen Filmen behandelt worden sind. Aber was gibt es im Grunde Interessanteres, als sich zum Teil in diesen Erfahrungen wiederzuerkennen?
Die Geschichte des Arztes Marco Carrara, von der Mutter wegen seines zierlichen Körperbaus „il colibrì“ genannt, der später dank fragwürdiger Aufbaumethoden nach den Rezepten des Vaters kräftig wurde, beginnt in seiner Kindheit und zieht sich bis ans Ende eines von Schmerz, Verliebtheit, Verrat und Desillusionen geprägten Lebens. Favino bringt eine Figur auf die Leinwand, die uns zunächst stört, weil sie keine Stellung bezieht, weil sie die Wirklichkeit nicht ansieht und sie einfach erleidet, weil sie das eigene Leben beschneidet und stillsteht. Doch genau hier bringt uns die Regie von Francesca Archibugi, reich an Details, die eben diese Trägheit der Dinge in Erinnerung rufen, dazu, die Unbeweglichkeit neu zu bewerten: als schlichte Konsequenz, als Ehrlichkeit und sicherlich als eine Zerbrechlichkeit, die beim Zuschauer Empathie erzeugt. Während sich das Mosaik nach und nach zusammenfügt, entdecken wir, wie kostbar dieser Stillstand ist, wenn es darum geht, den Widrigkeiten des Lebens standzuhalten. Plötzlich nehmen wir Marco nicht mehr als Unfähigen wahr, der nicht zu reagieren weiss, sondern sehen ihn vielmehr als einen Mann voller Liebe und fähig zu einer unglaublichen Widerstandskraft.
Favino nimmt uns dank einer grossartigen darstellerischen Leistung mit von den Ferien am Meer in den Siebzigerjahren in eine unmittelbare Zukunft und folgt dabei den Liebeswirren und dem Unglück, das das Leben eines Mannes streift, der beständig platonisch in eine französische Nachbarin des Ferienhauses am Meer verliebt ist, am Ende aber eine andere Frau heiratet und den Blitzen ausweicht, die ihn streifen und Bekannte und Menschen mit sich nehmen, die einerseits die Gesamtheit seiner Zuneigungen bilden und zugleich den Ursprung seiner Neurosen.

Die Besetzung mit Nanni Moretti als Psychiater, mit Kasia Smutniak als neurotischer Ehefrau, mit der in solchen Rollen stets überzeugenden Laura Morante und auch mit einer kleinen, paradoxen Rolle von Massimo Ceccherini vervollständigt und bereichert die Darbietung von Pierfrancesco Favino. Der Höhepunkt des Films ist mit Sicherheit der Monolog von Doktor Carrara über das umgekehrt proportionale Gefühl, sich in der Praxis als Gewinner zu fühlen, während man moralisch verfällt: eine interessante Sicht darauf, wie das Leben gelebt werden sollte, indem man die eigenen Fehler und die eigene Kleinlichkeit eingesteht, was zum Nachdenken über die Prioritäten des Lebens selbst anregt.
Der Film endet damit, dass wir den Protagonisten lieben, der einen bewundernswerten Mut beweist und das ganze Publikum in einer bewegten Anerkennung vereint. Das Schlusslied „Caro amore lontanissimo“, gesungen von Marco Mengoni, ist der perfekte Abschluss für diesen Film, den man sich nicht entgehen lassen sollte.