
Christiane Jatahy, brasilianische Regisseurin, Filmemacherin und Autorin, der 2022 bei der Biennale von Venedig der Goldene Löwe für ihre Arbeit im Bereich des Theaters zuerkannt wurde, verleiht dem Werk von Giuseppe Verdi in dieser Nabucco-Produktion einen neuen Körper.

In der berühmten biblischen Geschichte von der Zerstörung Jerusalems und dem Exil der Juden bringt die Regisseurin auch die Stimme all jener auf die Bühne, die noch heute überall auf der Welt unter Unterdrückung leiden. Mangel und Identität, Exil und Macht, vertriebene oder dezimierte Bevölkerungen, erzwungene Migrationen innerhalb einer Gemeinschaft sind Themen, die Christiane Jatahy seit jeher erzählt. Für die Regisseurin ist es das erste Mal in Europa.
Auf der Bühne begegnen wir dem Maestro Antonino Fogliani, der nach seiner grossartigen Turandot der vergangenen Saison nach Genf zurückkehrt. Am Verdi-Abenteuer beteiligt sind die Musikerinnen und Musiker des Orchestre de la Suisse Romande, der Chor des Grand Théâtre und aussergewöhnliche Interpreten des „Belcanto“: in der Rolle des Nabucco Nicola Alaimo, der zuletzt im Falstaff beim Maggio Musicale Fiorentino glänzte, der Bass Riccardo Zanellato (in der Rolle des Zaccaria), der in diesem Sommer im Rigoletto von Damiano Michieletto in den Caracalla-Thermen in Rom weitermacht, und der neue Opernstar Saioa Hernández in der Rolle der Abigaille, die wir nach ihrem strahlenden Auftritt im Guillaume Tell von 2015 in Genf wiedersehen.


Dieses Jugendwerk Verdis wurde oft als Aufruf zum Befreiungskampf und zur nationalen Einheit gedeutet, der schliesslich in die italienische Einigung mündete. Doch diese mehr oder weniger göttliche Sendung stützt sich ebenso auf die Vorstellung der Widrigkeiten. Denn wenn Nabucco natürlich das Exil des jüdischen Volkes in babylonischer Gefangenschaft mit seinem berühmten Chor „Va, pensiero“ darstellt, erzählt die Oper zugleich von einer Besonderheit des rabbinischen Denkens: von der Gegenwart des Göttlichen als Erscheinungsform auch seiner Abwesenheit. Die Zerstörung der Stadt Jerusalem und ihres Tempels sind Momente, in denen die Allmacht des Göttlichen in der Welt abwesend ist. Ebenso zählen die Glückseligkeit des Abgrunds und die Widrigkeiten, die zu bewältigen sind, um, soweit möglich, Erlösung zu erlangen.
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