
Der Termin ist um 18 Uhr, aber um sicherzugehen, sind wir über zwanzig Minuten zu früh da. Zeit ist Geld, unter bestimmten Umständen mehr als unter anderen. Während wir warten, hören wir seine Stimme zu den Klängen von Incanto herannahen.
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Wir treffen ihn um Punkt 18 Uhr, wie vorgesehen. Wir sind schliesslich in der Schweiz. Und im Übrigen ist Pünktlichkeit in diesem Beruf alles, in dem, um seine Worte zu zitieren, „im Gegentrend zum Leben alles vorgesehen, geplant und entschieden ist ... Termine, Zeiten ... und nie Raum für Improvisation bleibt“. Das Studio ist ein Fernsehstudio, rote Sessel für das Publikum, leer, und wir in der Mitte der Bühne mit zwei weissen Sesseln. Der Saal ist gross und es sind zu viele Menschen ringsum. Es scheint schwierig, sich ein Stückchen Intimität zum Erzählen herauszuschneiden, aber einander gegenübersitzend versuche ich dennoch, eine positive Atmosphäre zu schaffen.
Anlässlich der Termine seiner Europatournee in der Schweiz breche ich mit einer banalen Frage das Eis: „Was bedeutet es, im Ausland für deine Landsleute zu singen?“ „Ich bin ein Mensch, der äusserst stark mit den eigenen Wurzeln verbunden ist“, beginnt Tiziano, „ich liebe die Reise, den Ortswechsel, den Übergang, aber immer im Hinblick auf die Rückkehr. Deshalb finde ich es sehr romantisch, dass viele Menschen in der Musik ein Stückchen ihrer Heimaterde wiederfinden, und ich fühle mich verantwortlich und der Vorstellung nahe, ein kleines zeitliches und gefühlsmässiges Fenster für die Menschen darstellen zu können, die im Ausland leben und Lust haben, ein wenig Italien in ihrer Nähe zu haben. Dies und ausserdem die Vorstellung, ein winziges Land zu vertreten, das aber überall Spuren hinterlassen hat, hat mich immer mit grosser Begeisterung erfüllt.“

Eine weitere fast selbstverständliche Frage betrifft seine aktuelle Platte TZN The best of Tiziano Ferro, im vergangenen Jahr erschienen und in einem Repackage neu aufgelegt. „Eine regelrechte Biografie in Musik?“ „Absolut ja. Ich hatte keine Lust, die klassische, sterile Zusammenstellung mit den Singles und zwei unveröffentlichten Stücken zu machen; mir gefiel die Idee, eine Geschichte zu erzählen, die Lieder aus der Zeit versammelt, seit ich zu schreiben begann, also seit '97, als ich noch kein Profi war, nie veröffentlichte Lieder, die aber existierten, weil ich seither existiere, und deshalb gefiel es mir, diese Geschichte von Anfang an zu erzählen. Die Idee war, die Schlussszene live zu drehen, mit der Feier in den Stadien, in den Hallen ... es wird ein vergnügliches Fest, ein intensives und dynamisches Konzert, es wird nur Singles geben, ohne Abschweifungen und Experimente, eine Art Album der Erinnerungen, ein Lied nach dem anderen.“
Nach den fast obligatorischen Themen versuche ich, ins Persönliche vorzudringen, sofern Atmosphäre und Ablenkungen es zulassen. Meine Frage: „Über einen schwierigen Aspekt der Jugendzeit hast du ein Album gemacht, 111. Mara Maionchi, die dann die entscheidende Person war, die auf dich setzte, erzählt oft die Geschichte davon, wie ihr euch kennengelernt habt, von den Opfern und von ihrer Unterstützung auf dem Weg der Gewichtsabnahme und zum Erfolg. Sicherlich ist es eine Frage der Gesundheit, und das gehört klargestellt, doch manchmal scheint es, als sei das äussere Erscheinungsbild eine grundlegende Voraussetzung für den Erfolg. Ich will sagen: Mit 40 kg mehr oder weniger bist du ein guter Autor und Sänger. Reicht es also nicht, gut zu sein? Wie vermeidet man es, die falsche Botschaft zu vermitteln?“ Seine Antwort: „Ich glaube nicht, dass es um die Ästhetik geht, sondern um die Tatsache, dass ich mich mit mir selbst nicht wohlfühlte, und die Kompensation mit dem Essen verbarg sicherlich andere Arten persönlicher Nöte. Wenn jemand rundlich ist und damit im Reinen, gibt es kein Problem. Das Problem war nicht das Fett, sondern die gestörte Haltung gegenüber dem Essen, und daran habe ich gearbeitet. Über die Jahre habe ich all jene Verleugnungen und Unsicherheiten abgebaut. Ich habe dort begonnen, aber es war nur die Spitze eines Eisbergs.“
Der Erfolg kommt mehr oder weniger zusammen mit dem neuen Jahrtausend. 2001 veröffentlicht Tiziano das erste Album, Rosso relativo, im Sommer erscheint die erste Single Xdono, die die Spitze der Charts erreicht. 2002 die erste Tournee, dann die Single Imbranato und so weiter bis zum weltweiten Erfolg. „Wie schwierig war es, den Erfolg in einem Moment zu bewältigen, in dem du dich noch nicht ganz hingeben, dich dem Publikum vollständig als der öffnen konntest, der du bist?“ „In Wirklichkeit ist er nicht zu bewältigen“, gesteht er, „ich lebte der Gnade dessen ausgeliefert, was mir widerfuhr, ohne jegliches Bewusstsein; ich liess mich völlig unbewusst treiben, im Angesicht der Tatsache, dass mir zu schöne Dinge geschahen, um innehalten zu können. Ich gab mir keine Zeit und hatte keine Zeit, in mich hineinzuschauen, aber mir wurde klar, dass das, was geschah, so schön war, dass es sich lohnte, Zeit und Einsatz nur darin zu investieren. Ich wusste, dass ich diese Züge, diese Gelegenheiten nicht verpassen durfte, und habe mich ein wenig zurückgestellt. Das hat den Prozess der Annahme und der Aussöhnung mit mir selbst wahrscheinlich verlangsamt, aber ich war zu nichts anderem fähig. Ich sagte mir, dass der Tag, an dem ich mir Zeit und Raum für mich nehmen könnte, früher oder später kommen würde, wie es dann auch geschah.“ Vielleicht gerade um diesem schwer zu bewältigenden Erfolg zu entkommen und eine Verbindung zu sich selbst wiederzufinden, zieht Tiziano 2005 nach London, und das stellt, wie wir in der Biografie auf seiner Website lesen, „eine weitere Gelegenheit dar, ein normales Leben zwischen Rechnungen und Einkaufslisten zu führen“. „Hattest du und hast du das Bedürfnis nach Normalität?“, frage ich ihn, „was bedeutet Normalität für dich?“ „Normalität ist die tägliche Abfolge der Dinge, auch der unvorhergesehenen. Das ist ein Beruf, der im Gegentrend zum Leben verläuft, ein Beruf, in dem alles, Termine, Zeiten, alles vorgesehen, geplant und entschieden ist, nie bleibt Raum für Improvisation. Deshalb spürt man ab und zu das Bedürfnis, sich auszuklinken und aus dieser ständigen Selbstbezogenheit herauszutreten, das heisst, es geht immer um dich, du sprichst nur von dir selbst, hörst den anderen wenig zu, spürst nur dich, singen, reden, und du spürst das Bedürfnis nach Austausch und danach, dir die Dinge zurückzuholen, die dieser Beruf dir manchmal nimmt.“
Ich nehme gerade seine Lieder zum Ausgangspunkt, um ein paar schnelle Fragen zu stellen und ihm einige Kuriositäten für seine Fans zu entlocken. „In welchem Moment deines Lebens würdest du ein Foto machen?“ Sofortige Antwort, ohne Zögern: „Bei der Geburt meines Bruders. Ich erinnere mich an das erste Mal, als sie ihn mir zeigten, ich war 11 Jahre alt, und es kommt mir seltsam vor, wie mir so viele jüngere Dinge entgleiten, während die Erinnerung an jenes Bild dagegen noch klar und vollkommen ist, als wäre es wirklich ein Foto.“ „Vergebung. Was hast du dir selbst vergeben und was hast du jemand anderem vergeben?“ „Ich lebe mein ganzes Leben im Zeichen der Vergebung, in dem Sinne, dass ich immer versuche zu leben, indem ich mich so weit wie möglich von Groll und Vergeltungsgefühl gegenüber anderen befreie. Ich lebe im Bemühen und in der Hoffnung, stets zu vergeben und immer vergeben zu werden, ohne je Spannungen aufrechtzuerhalten, und löse Streitigkeiten immer auf.“ „Gibt es in deinem Leben diesen Menschen, der auch im Fehler und in der Unvollkommenheit ein Zauber ist?“ „Es hat ihn gegeben, im Moment nicht, aber ich bin von wunderbaren Menschen umgeben, meinen Freunden und meiner Familie, die mich daran erinnern, dass dieser Zauber existiert und immer um mich herum ist.“ „2008 ist das Jahr von Alla mia età, ein aussergewöhnlicher Erfolg. Was hast du in deinem Alter zu tun gelernt, was du vorher nicht konntest?“ „Ich habe gelernt, dass ich nicht ändern kann, was ich sehe, aber ich kann die Art ändern, wie ich es sehe. Deshalb nehme ich das Leben so an, wie es kommt, und versuche stattdessen, meine Haltung zu ändern und sie konstruktiv zu machen.“
Wir haben die Vergangenheit durchlaufen, mal privat, mal beruflich, aber ich möchte mit dem Tiziano Ferro von heute schliessen. Ich erinnere mich an einen Beitrag, den ich einige Tage zuvor auf Facebook gelesen habe und der eine Passage aus einem Interview des grossen Totò mit Oriana Fallaci zitiert. „Vielleicht gibt es winzig kleine Augenblicke des Glücks, und es sind jene, in denen man die schlimmen Dinge vergisst. Das Glück, mein Fräulein, besteht aus Augenblicken des Vergessens.“ Ich frage Tiziano, ob das für ihn ein realistisches Bild des Glücks ist. „Ich finde, es ist ein schönes Bild“, antwortet er, „aber auch ein Kind der Epoche, in der er lebte. Ich glaube, dass wir heute viel mehr Gründe haben, glücklich zu sein, viel mehr Mittel, um einander auch einfach näher zu sein, wenn ich an eines der Dinge denke, das den Menschen geschichtlich traurig macht, nämlich die Entfernung von den lieben Menschen. Ich glaube, dass Glück manchmal einfach eine Haltung ist, eine Einstellung, eine Art, die Dinge zu betrachten, wie wir vorhin sagten. Ich glaube, dass sich glücklich zu fühlen auch eine Frage der Übung ist, dass wir oft viele Gründe haben, glücklich zu sein, sie aber unterschätzen oder überhaupt nicht sehen.“ Am Ende entlocke ich ihm eine Antwort, die jene Rationalität und Klarheit beiseitelässt, die bislang zum Vorschein kamen, manchmal herausgeschrien, so sehr, dass man sie beneidet. So sehr, dass man sich fragt, wie man das macht. Eine Antwort, die die ganze Aufrichtigkeit dessen hat, der entschlossen scheint, zu leben, ohne je wieder zu fliehen, auch und vor allem nicht vor der Wahrheit. Und bist du heute, mit 35 Jahren, glücklich? „Nun ... ich beklage mich nicht.“
Exklusivinterview mit Tiziano Ferro im Hotel Marriott in Zürich anlässlich der Veranstaltung Energy Stars For Free (NRJ), an der Künstler wie Laura Pausini, Anastacia, Leona Lewis, Marc Sway und viele andere teilnahmen.
Sieh dir das Video an https://youtu.be/XAYdE9_D_UY